Erstmalig nach so einem schönen Sonnensonntag sah ich nicht als erstes an den Himmel sondern überlegte, ob ich vor oder nach dem Frühstück duschen sollte. Denn ich würde heute kein Rad sondern Zug fahren. Es ist eine weitere Leidenschaft von mir.

Ich hatte mich anders anzuziehen und die Radklamotten zu verstauen. Eigentlich easy, denkt man, aber die klobigen Schuhe sind immer lästig. Ich hatte auch genau zu überlegen, worauf ich in 12 Stunden bis Trondheim verzichten konnte, denn das Rad würde in Wagen 4 untergebracht, da kam ich nicht dran.

Die Bahn hatte Probleme gemeldet und ich war etwas unsicher, ob sie fahren. Schon bei der Buchung hatte ich einsehen müssen, daß ich einen Pausentag in Oslo ausschließen konnte, denn am 14/15.6. wäre kein Zug gefahren. Sie bauen was und haben massive Probleme mit den 40 Jahre alten Dieselloks.

Ich traf mich am Bahnhof mit Sontje, mit der ich ein Stück ab Bergen gefahren war. Sie würde heute in Bodø ankommen, überglücklich, mit tausend Erfahrungen , nach einem Felgenriss, Tagen mit Regen, Kälte, Wind und Höhenmetern und sehr sehr vielen schönen Dingen.

Sontje will ans Nordkap und sie wird das schaffen. Seit 4 Wochen ist sie unterwegs und hat noch viel Zeit für Umfahrungen und Erfahrungen. Ein leckerer Kaffee, ein Gespräch unter Wissenden und dann stieg ich in in meinen Zug. Der Schaffner hängte mein Rad im Gepäckwagen 4 ein und ich ging zu meinem Platz1, Wagen 1. es klingt ein bisschen wie der Platz des Ministerpräsidenten und so fühlte ich mich auch.

Wenn mir das einer vor drei Tagen gesagt hätte, daß ich in einem elektrischen Komfortsitz mit separater Lendenwirbelstütze, Leselampe und schwenkbarem Tablett sitze, draußen Wasserfälle, Berge, Fjorde, Tunnel – all das bisherige im Schnelldurchlauf – sehen würde. Was hätte ich da denken sollen, Krankentransport? Ich hatte keine Ahnung, was ich da gebucht hatte, und mit 125€ für 18 Stunden Bahnfahrt über 1200 km samt Radtransport war es nicht mal teuer. 120€, das ist einmal Koblenz-Berlin im ICE.


All dieser Luxus, unheimlich nach Tagen der Enthaltsamkeit. Alle sahen nach draußen und fotografierten, als wieder die ersten schneebedeckten Berge, Fjorde, Wasserfälle, reißende Flüsse und tiefe Täler zu sehen waren. Auch ich. Es ist ein Reflex.


Der Höhepunkt, auch von der Topologie her, kam nach 2 Stunden Fahrt am Polarkreis.

Auf 680 Metern Seehöhe überschritten wir ihn nach Süden und sahen die selbe baumlose Schneelandschaft wie vor zehn Tagen.

Die Bahn hat derart Probleme, daß von den fünf überhaupt verfügbaren Lokomotiven Di4 manchmal keine funktioniert. Dann werden die Fahrgäste in Busse umgeladen und die 726 km bis Trondheim gefahren. Dann verpasste man per Bahn 293 Brücken und 154 Tunnel. Beten wir einfach, daß es nicht passiert.

Es gab eine große Umstrukturierung mit skurilen Verträgen, die eine Leihe von Loks von anderen Unternehmen unmöglich machen. Das hätten wir auch noch hinbekommen!

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Dunkel war es den ganzen Tag, nicht nur im Tunnel. Das Wetter war durchgehend grau und ungemütlich. Margarete und Peter, die inzwischen bei Stavanger waren, wollten auf den Preikestolen – nicht möglich wegen Wetter. So ganz viel verpasse ich da draußen heute nicht.

Die fantastische Streckenführung ist kein Produkt von Designern, sondern so ziemlich die einzige Möglichkeit. Unzählige Tunnel und Viadukte wurden gebaut. Fast immer fährt die Bahn durch das selbe Tal, wo auch die heutige E6 durchführt. Und damit auch nahe an meiner Route. Die allermeisten der 24 Stops nach Trondheim habe ich auf der Hinfahrt gesehen.

Das stundenlange Sitzen bekommt mir schlechter als stundenlanges Radfahren. Aber wir wollen nicht klagen, ich sehr froh für alles hier.

Diese Art des Reisens, allmählich zurück zu rollen, macht alles viel einfacher. Man stelle sich vor, ich wäre gelandet in Frankfurt, auf der Suche nach den Sperrgepäck, dann der Stress, aus diesem Moloch rauszukommen, bei der Hitze im Stau zu stehen. Das wär jetzt nichts für mich. Die Umstände würden meine Gefühle, frische Erinnerungen und die ganze Brust voller Eindrücke schwächen. .


Ich holte mir nach und nach alle neun Getränkesorten aus der Kaffeemaschine, mein Taschenmesser, das Roggenbrot und den vorgestern in Moskenes gekauften Käse aus der Tasche, um zu vespern. Der Hunger ist gewaltig, aber ich will nicht zu sehr nachgeben. Der Körper denkt ja, ich verlange spätestens morgen wieder 120 km.
Es werden mehr sogar, aber nicht auf dem Fahrrad! Etwa 23 Uhr stand der Zug in Trondheim nach Oslo bereit.

Es gab auch im Oslo Zug diese Kaffemaschine und ich hatte wieder Wagen 1 Platz 1. daran kann man sich gewöhnen.

Trondheim war ja die alte Hauptstadt, bevor es Oslo wurde. Erst herrschten die Dänen, später die Schweden, oder umgekehrt. Sorry, daß ich das ich besser weiß. Jedenfalls sind die Kronjuwelen hier und auch die Krönungen finden immer hier statt.
Ich hatte schon auf dem Hinweg keine Gelegenheit, die Stand anzuschauen. Auf den ersten Blick ist die Nummer 3 nach Oslo und Bergen schön genug, um hier nochmal in Ruhe her zu fahren.

Morgen früh wachen wir in Oslo auf!

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Wow! Das ist eine unglaublich lange Strecke für einen sehr günstigen Preis. Aucb ohne Obst und Kaffee! Vielen Dank fürs Mitnehmen auf deinem tollen Abenteuer!
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