Wie bereitet man sich auf eine lange Tour vor, wie geht man mit dem Wissen um, daß es weit, mit vielen Höhemetern und windig wird? Wie mit jeder Prüfung, einem Bewerbungsgespräch oder anderem wichtigen Termin: Ruhe bewahren, eine Stunde früher ins Bett gehen und es dann doch mal mit dem frühen Vogel versuchen.

Dieses Happy Cove Guesthouse in Bakkafjördur war gemütlich und ich berichtete schon von der Behaglichkeit, wenn draußen der Wind pfeift. Das legte ich in der Nacht und ich sollte früher losfahren, wenn ich nicht in den Peak der Mittagszeit geraten wollte, während ich noch auf der Hochfläche unterwegs wäre.


Nach 2 km schlimmsten Schotter kam der Ort. Die Fischtrocknung hat man hier schon länger aufgegeben, aber die Gestelle stehen noch.

Die Vögel regten sich auf und diesmal waren es viele. Sie brauchten mir nicht mit dem Argument zu kommen, ihre Nester zu schützen – mitten im Ort! Die hatten einfach nur ne Meise!

Nach dem Ort wollte ich frisch gestärkt und eine Stunden früher als sonst in die Pedale treten und die Hochfläche mit langsam auffrischem Wind zügig passieren. Aber leider fehlte eine der beiden Lebensmitteltaschen, die an der Gabel gefestigt waren. Also nochmal langsam zurück. Schon 200 m nach dem Start hatte es derart gerüttelt, dem hielten die Gurte nicht stand. Da lag die Tasche mit Schrammen und Löchern im Staub. Ich machte sie fest und fuhr dann zum dritten Mal den Weg. Nun war der Vorsprung vor dem Wind nicht mehr allzugroß.

Es ging hoch und dann kam der erwartete Wind. Nicht so stark wie gestern. Nun war geduldiges Pedalieren im kleinen Gang gegen den Wind gefragt. Nach gut 40 erreichte ich Vopnafjördur, das tief drinnen liegt im gleichnamigen Fjord. Da gab es Kaffe und meine Einkäufe, die ich über 120 km mitschleppen mußte. Das war es für heute mit Supermarkt und Tankstelle. Es würde bis zu meinem Ziel nichts mehr kommen.

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Am Ort war auch zu entscheiden, wie ich fuhr. Seit ein paar Tagen überlegte ich daran herum. Entweder links rum 73 km über Stock und Stein mit vielen Höhenmetern und keine Aussicht auf Hilfe, falls ich da liegen bliebe oder rechts herum 107 km asphaltierte Straße durch ein Tal vom Wind geschützter vielleicht an einer Tankstelle vorbei. Ich entschied mich für die 34 km Umweg. Es half nichts, es mußte sein.

Die 45 des Tales von Vöpnafjördur waren tatsächlich anfangs relativ leicht zu fahren. Es ging zwar stetig weiter hoch auf gut 400m, aber es kam auch der Wind von hinten. Je weiter ich hochkam, desto weniger schützen mich aber die Berge vor dem strammen Südost.

Auch hier half nur Geduld. Wildes anrennen bzw. anstrampeln hatte nur spätere Einbrüche zur Folge. Ich kenne das von den Marathons. Am letzten Wochenende war ja wieder der Challenge Roth. Mein Freund Tim fuhr mit dem Tandem mit. Sie hatten die 178 km in 4:29 h geschafft. Herzlichen Glückwunsch, Ihr Recken! Ich würde heute doppelt so lange brauchen, da half kein falscher Ehrgeiz.

Es gab nicht viel zu sehen und ich war froh, endlich an der Kreuzung auf die Ringstraße No1 einzubiegen. Aber warum eigentlich, denn jetzt kam der Wind direkt von vorn. Wahrscheinlich wollte ich einfach nur ein Zwischenziel erreicht haben.

Der Wind kam mal von rechts vorn, mal von links vorn oder eben direkt von vorn. Das würde sich jetzt die nächsten 40 km auch nicht ändern. Es gab wenig zu sehen, denn ich war auf einem Sattelpunkt zwischen den verschiedenen Gebirgszügen angekommen. Da war ich froh, mal irgendeine Abwechslung zu haben und sei es nur, der Polizei zu winken.

Ich stieg alle 10 km mal ab und schob das Rad ein paar hundert Meter, um mir die Beine zu vertreten. Dann warf ich das letzte Trockenobst ein und trank etwas. So war meine Durchhaltestrategie. Die Strecke in kleine Ziele einteilen und nicht an das große Ganze (unüberwindliche) denken! Ich versuchte auch, zwischendurch nicht auf die Karte zu gucken, denn dadurch wird es nicht kürzer. Diese Ausdauer ist Teil des Abenteuers. Denn daran erinnert man sich, wenn man im Büro sitzt und das dann als behaglich empfindet. Es muß auch unkomfortable Momente im Leben geben.

Endlich machte die Straße den ersehnten langen Linksbogen runterkommen der Hochfläche in das Tal der Jökulsa. Diesen Fluß hatte ich schon mal erwähnt bei der Felsenschlucht Asbyrgi. Er kommt vom Vatnajökull, fließt lange nach Norden und macht dann einen Bogen wieder nach Süden um dann im Osten in einem Fjord zu münden.

Endlich gab es mal wieder eine rasante Abfahrt, um mich aufzurichten aus der gebückten Haltung und den taugen Winden etwas zu entgehen.

Ich hatte nun wieder mehr Abwechslung und dann kam sogar eine Tankstelle: Aber es war nur eine einzelne Säule, kein Kaffee, geschweige denn Kuchen auf über 100 km.

Körperlich war ich in guter Verfassung, ich hatte gut gehaushaltet mit den Kräften. Aber der Arsch, also die Sitzmuskeln brannten und die Haut war seit Tagen gereizt von dem ewigen Schweiß und Salz, den ich mir hinein gerieben hatte. Auch das kenne ich von anderen Abenteuern. Das gehört dazu. Die Klamotten sind eben nicht mehr frisch, auch wenn sich bisher noch keine Nager oder andere Säugetiere eingenistet haben.

Dann die letzte große Landmarke: Die Brücke über die Jökulsa war erreicht, es sollten nur noch gut 6 km sein. Das schaffte ich nun auch noch. Es war ein einzelnes Haus und ich hoffte, es stand dort, wo ich vor Monaten meine Markierung gesetzt hatte. Ja, alles OK, ich war richtig und ich hatte die längste Etappe meines Abenteuers gut überstanden.

Gegenüber am anderen Ufer der Jökulsa sah ich die schmale Schotterstraße, die ich ansonsten gekommen wäre. Gut, daß ich den Umweg genommen habe.

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Lieber Guido. Mein Glückwunsch für deine bewältige längste Etappe. Die kommende und damit letzte Etappe wirst du sicherlich mit links schaffen. Ich gehe davon aus, dass du am nächsten Tag mit der Fähre zurück nach Dänemark fährst. Hoffentlich lässt der Wind für die Überfahrt nach. Ich wünsche dir eine gute Heimfahrt.
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