Gestern 150, heute 180 km. Wenn ich so weiter mache, wird es fast Sport!

Die beiden Geocacher in Rauma hatten mit von der Straße Nummer 110 erzählt, sie zieht sich einmal quer rüber und war die wichtigste Verbindung, bevor die Autobahn gebaut wurde. Deshalb damals Straße Nr1.

Es war sonnig, wenig Wind, wenig Autoverkehr und nach 20 km fühlte ich mich, wie im Norden. Gelegentlich hörte man durch einen schmalen Waldstreifen das Rauschen der Autobahn. Es fühlte sich an, wie ein autofreier Sonntag bei uns. Das könnte man mal wieder machen, da würden aber noch mehr Menschen auf die Grünen schimpfen. Als sei das Problem des Klimawandels nur eins der Grünen. So jedenfalls suggerieren die Anhänger anderer Parteien. Wann also, wenn nicht heute, sollte ich meine längste Radtour überhaupt versuchen?

Mit Stephan bin ich mal von uns aus entlang der Mosel nach Trier gefahren, das dürfte ähnlich lang gewesen sein. Aber damals wurde die Tour nicht richtig aufgezeichnet und wir nahmen uns über 12 Stunden Zeit.

Es kam mir Hermann entgegen, der erste Tourenfahrer überhaupt hier in Finnland. Erst dachte ich, der Ex-US-Präsident wäre aufs Fahrrad umgestiegen, wegen der Haare. Aber Hermann sieht viel besser aus und ist ein super Typ. Er hat mit seinen 76 Jahren schon viel erlebt und ist seit Mitte März unterwegs. Über Barcelona, Frankreich, Italien, Albanien, den Westbalkan, Österreich, Bayern, Tschechien, Polen, die baltischen Staaten und in ab Helsinki weiter Richtung Åland Inseln, Mittelschweden nach Göteborg. Auf über 7000 km bisher konnte er Europa entdecken – eine ganz tolle Sache. Ich befragte ihn nach der Adria-Route und der wilden Hunde in Albanien. Er sagte, die seien kein großes Problem, aber die Autofahrer:innen brauchten noch ein paar Jahre, bis sie verstünden, wie gefährlich es ist, knapp an einem Radler vorbei zu Schrammen. Von den unbeleuchteten Tunneln bekam er Albträume und mußte wieder auf die italienische Seite wechseln. Gute Fahrt allezeit, lieber Hermann!

Ein paar Kilometer Frank. Er hat gleich mal bei sich selbst angefangen mit mehr Arbeitsrechten für Metallarbeiter und sich fünf Wochen Urlaub genehmigt mit der Option, noch ein paar Tage dran zu hängen. Er macht dieses Jahr Teil 2 seiner Ostsee Umrundung , die er mit Teil 1 im letzten Jahr von Hannover bis Helsinki begonnen hatte. So ähnlich wie ich. Auch er will über die zu Finnland gehörenden Åland- Inseln. In Schweden trifft er auf einen anderen Biker, mit dem er früher schon Touren gemacht hat. Mit seiner sorglosen, unbekümmerten Art, war er mir sofort sympathisch. Gute Fahrt, lieber Frank!

Nach 83 ereignisarmen Kilometern war der Tank leer. Es war nicht nur warm, sondern beinahe heiß und meine Akkus waren auch alle. Diese Pizzeria war ideal. Sie wird von einer migrantischen Familie betrieben, sonst wäre, wie überall and er Strecke, das Restaurant einfach verwaist. Der gute Service (Salat, kaltes Wasser, Kaffee und Eiswürfel inklusive) und das gute Essen schien sich herum gesprochen zu haben und der Laden war nicht so spärlich besucht, wie viele ähnliche, die ich hier und in Schweden besucht hatte. So eine Art Pizza/Kebab/Salat waren meine wichtigsten Anlaufstellen geworden. Trotz des guten Geschmack hing mit Pizza langsam zum Hals heraus.

Bei so einer Gelegenheit konnte ich immer auch den Halswärmer (der vor allem gegen Insekten und fliegende Steinchen half) und das Schwarzwald-Radshirt trocknen. Der hohe Kragen des Shirts war während der Fahrt immer schweißnass und unangenehm. Aber sonst, schönes Teil. Man wird auch immer sofort als Deutscher erkannt.

Es ging vor allem darum, anzukommen. Bei 180 km hat man weniger Aufmerksamkeit für die Natur. Die Wälder links und rechts waren wir immer hier, vielleicht etwas lichter, aber mit Bären und Rentieren war natürlich nicht zu rechnen.

Ich wollte mich nicht an diese scheinbar unberührte Natur gewöhnen, die man einfach in voller Fahrt betrachten und knipsen konnte. Die Bilder werden sich tief eingraben ins Gedächtnis. Vieles erinnert mich an Estland vor sieben Jahren.
———————————————————————————————
ACHTUNG: Nur kurz Werbung für mein Buch: Wer sich und seinen Lauf- und Reise- oder Abenteuerfreunden etwas gutes tun will, holt sich hier das Buch, eBook oder Audiobuch ‚Abenteuer Baltikum‘ – auch auf englisch erhältlich ‚Baltic Adventure‘ http://ampelpublishing.de

Die Straße 110 führt bis kurz vor Helsinki und ist immer gut ausgeschildert, ich konnte mein Handy stecken lassen und einfach nur fahren.

Viel Freude bereiteten mir Baustellen, wie diese über 15 km. Ich fuhr dann an allen Autos vorbei, die mich in den letzten 20 Minuten überholt hatten und nun an einer roten Ampel eine Ewigkeit auf den Gegenverkehr warteten.

Ich fuhr dann einfach in die Baustelle hinein, drückte mich ganz an den Rand, grüßte überschwänglich die Bauarbeiter und düste auf der frisch geteerten Strecke, so schnell ich konnte, bevor der Gegenverkehr oder eine eigene Richtung mich erreichten. Ein Gefühl der Überlegenheit, das ich nach 160 km auch gut gebrauchen konnte. Es war heute unglaublich oft auf und ab gegangen, was die Strapaze nicht kleiner macht. Aber die Abfahrten bei kühlem Wind auf die nassen Klamotten sind ein schöner Lohn. Man muß übrigens nach ein paar Tagen Radreise keine Angst mehr haben, sich dabei zu erkälten. Der Körper kann das ab, erst recht bei Sonnenschein.

Im Speckgürtel von Helsinki mußte ich auf Google Navigation umstellen, denn das letzte Stück sollte zum Flughafen Vantaa führen. Es ist ja, wie besprochen, immer ein Risiko dabei, daß man trotz Stadtgebiet mitten im Nichts endet, aber wenn man die Route nicht vorbereitet hat, geht es nicht anders. Ich wollte zum Flughafen, weil ich dort das selbe (forenom) Hosten wie vor 7 Jahren gebucht hatte, für den selben Preis : 70€ pro Nacht. So kam ich auf dem wahrscheinlich kürzesten, aber nicht einfachsten Weg durch unzählige Gemeinden mit viel viel Wohnhäusern immer dichter an mein Ziel.

An einer Ecke zu einem Radweg warteten drei Kinder mit einem Ministand mit Limonade und Wasser. Wo kamen die denn her? Es war sensationell, genau jetzt etwas davon zu bekommen, denn meine Reserven waren aufgebraucht. Sie haben schon Ferien, aber es geht erst nächste Woche in den Urlaub. Die Blagen 13, 10 und 9 Jahre alt können super gut Englisch und erzählten alles mögliche. Sie entstammen verschiedenen Familien, wohnen hier in dem Viertel und sind aber eigentlich aus Estland. Das Geschäft laufe gut und sie wollen das Geld im Urlaub in der Türkei ausgeben. Ich hatte echt meinen Spaß, erzählte, wo ich her kam, und sie wünschten mir gute Reise. Nun war ich bereit für die letzten 11 km, aus denen dann noch 15 wurden, weil die Orientierung in dem Straßengewirr am Flughafen nicht ganz leicht war.

Das Hostel hatte ich genau so in Erinnerung. Von hier aus würde ich für ein paar Euro mit der Schnellbahn in die Stadt fahren. Der Zug fährt 2-4 mal pro Stunde undzwar 24 Stunden am Tag. Ich habe den unterirdischen Bahnhof damals schon bewundert. Ich freute mich darauf, ausschlafen zu können und den Bericht erst morgen zu schreiben – der Lohn für diese lange Tour heute.


#guidolange #abenteuerskandinavien #bikepacking #radreise #finnland #road110 #vantaa #suomusjärvi #strasse110 #südfinnland #radtour #abenteuerreise #reiseblog #reiseblogger #eurovelo #eurovelo10 #helsinkiairport

Ein Gedanke zu “FIN4 Turku-Helsinki Vantaa”