Für 9€ nach Berlin und zurück

Die Bahn rollt los und es kann beginnen, mein kleines Abenteuer für zwischendurch: mit dem 9€-Ticket von Koblenz nach Berlin.

Im Schnitt 66 km/h auf 700 km von Koblenz nach Berlin

Ich hatte mir ein paar Gedanken gemacht, wollte ursprünglich sogar ein Fahrrad mitnehmen. Aber die tumultartigen Szenen in den Abendnachrichten am ersten 9€-Wochenende schreckten mich doch von der Idee ab. Zu groß wäre das Risiko, am Zug abgewiesen zu werden. Dabei ist für Leute, die nicht an BahnHof wohnen gerade das eine reizvolle Kombination für die „ganze“ Strecke, also von Tür zu Tür.

Nächster Halt: Boppard Hbf

Es ist nicht mein Ansatz, aber heute will ich vom „Schlimmsten“ ausgehen und mich über jedes positive Erlebnis freuen. Um nicht von vorn herein schon in den Pendler- und Wochenendverkehr zu kommen, nehme ich die erste Möglichkeit. Sie scheint auch attraktiver zu sein, als spätere: Nur 4x umsteigen und auch nicht langsamer als die späteren Verbindungen.

Abfahrt 5:07h mit dem RE2 nach Frankfurt

Das war schon mal eine gute Idee. Kaum Fahrgäste und ich bekommen einen beliebten Fensterplatz. Ich kenne die Strecke sehr gut von weit über 100 Fahrten zu meiner damaligen Arbeitsstelle. Das Mittelrheintal zwischen Koblenz und Bingen ist eine der schönsten Bahn-Routen in Deutschland.

Entlang des Mittelrhein zwischen Koblenz und Bingen

Die Weinberge links und rechts des Rheins haben als Tupfer pittoreske Orte in ihrer Mitte und heute morgen werden sie auch noch von mystischen Nebeln eingehüllt. Wer mag da nicht an Heinrich Heine denken?

„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten…“ Loreley

Heinrich Heine – Rheinromantik

Auch diese Morgenstunde am Rhein kenne ich sehr gut. Und doch zieht sie mich immer wieder in den Bann. Hier erlebe ich am ehesten noch das, was die Regierung mit dem 9€ Ticket wohl bezweckt – Lust auf‘s Bahnfahren zu wecken.

Die Pfalz bei Kaub – Zollstation mitten im Fluß

Dabei müssen sie mich nicht überzeugen. Ich bin ein Bahnfan und habe schon halb Europa mit der Bahn bereist, sowohl dienstlich bis in alle Nachbarländer als auch bei meinen Abenteuern.Anreise nach Südspanien zum Abenteuer Atlantik – Algarve Bretagne

Auch durch Russland, Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine fuhr ich mit der Bahn – zu Friedenszeiten 2019. Abenteuer Transkaukasien

Die Sonne kommt: Kurz vor Bingen

Nach Bingen wird es eine ganz normale Bahnreise ohne eine derart spektakuläre Kulisse. Wir sind pünktlich, die Stimmung ist entspannt und der Kontrolleur kommt schon zum x-ten Mal durch den Wagen. Es wäre nie eine blödere Idee als jetzt, kein 9€ oder sonstiges Ticket dabei zu haben und 60€ zahlen zu müssen. Aber es soll wohl vorkommen. In 2020 hatte ich sogar eine BahnCard 100 und fuhr mit Bahn und Rad kreuz und quer durch die Lande, um meine Bücher beim Buchhandel bekannt zu machen. Die Bücher bei Ampel Publishing

Gibt’s auch überall, wo es Bücher gibt

Ich habe mir Brote gemacht und Kaffe abgefüllt, und spätestens nach dem Umstieg in Frankfurt in den RE 30 nach Kassel werde ich da reinbeißen. Jetzt aber bremst der Zug abrupt mitten auf der Rheinbrücke in Mainz und der Bahnkundige weiß: Das ist nicht gut. Wir zuckeln dann weiter bis zum nächsten Bahnhof MZ Bischofsheim und stehen wegen technischer Probleme „für einige Minuten“. Kurz nach uns kommt die S-Bahn und ich bin zu überrascht und schaffe den Absprung nicht. Na super, das hätten sie auch ansagen können: „gegenüber fährt gleich die S-Bahn ein, nehmen sie gern diese“. Aber nein, das unterbleibt und die wohl einzige Möglichkeit, den nächsten Zug zukriegen wird verpaßt. Entgegen meines Vorsatzes werde nich nervös, aber eine Mitreisende fängt ein Gespräch an über das Zugfahren und was sie schon alles erlebt hat. So lenkt sie mich ab, bis endlich nach 18 Minuten der Zug weiterfährt. Es wäre nämlich ansonsten die nächste S-Bahn gekommen und ich stünde vor der Frage, die niemand beantworten kann: „Wie verhalte ich mich optimal, um mein Ziel zu erreichen?“

Die Stadt, die niemals schläft: Mainhattan

Ich bin dann doch noch rechtzeitig am Frankfurter Hauptbahnhof und schaffe meinen ersten Umstieg. Nun sollte ich also schon mal zufrieden sein und fest mit Verzögerungen rechnen. Daß alles klappt, das glaub ich nicht. Die Ansage im RE30 nach Kassel kommt von einem launigen Zugchef, der extra alle Leute mit 9€ Ticket begrüßt, sofern sie sich an die Regeln halten. Ansonsten dürften sie gern bei der nächsten Station aussteigen. Offenbar ist er schon durch Erlebnisse der letzten Tage negativ vorgeladen. Es benehmen sich alle. Jetzt sind schon deutlich mehr Touristen wie ich unterwegs, aber immer noch genug Platz um 7;17h im Zug.

Auf der Strecke gibt es Bauarbeiten für den Ausbau der S-Bahn Linie 6 nach Friedberg, wo sich bisher der gesamte Verkehr auf nur 2 Gleisen bewegt. Aber offenbar haben sie das in die Fahrzeiten schon „eingepreist“ . Trotzdem spricht mich mein Gegenüber an und beklagt sich dezent über die ständigen Probleme auf seinem Arbeitsweg. Wir kommen ins Plaudern über das Autobauerland Deutschland, das sich schwerer als andere mit den alternativen Verkehrsmitteln tut. Denn das konnte auch ich beobachten, nicht nur in der Schweiz oder den Niederlanden: Die jahrzehntelange Bevorzugung des Individualverkehrs hat tiefe Spuren in den Infrastrukturentscheidungen hinterlassen, die nun doppelt schwer zu lindern sind. Er schwankt auch zwischen Auto und Zug.

Er ist sogar im Erstberuf KFZ Mechaniker und kann alte Autos reparieren. Das interessierte mich, denn ich hab ja selbst so eins.

Mein neues Auto von 1981

Daran werde ich wohl in Zukunft auch schrauben. Und obwohl es sich sehr gut auf langen Strecken fährt, hab ich mich für heute dagegen entschieden. Denn immerhin kostete die Fahrt nach Berlin und zurück knapp 300€.

Alternative zum Nahverkehr doppelt so schnell

Weil wir gerade beim Geld sind: Die reguläre Fahrt mit dem Fernverkehr kostet 130€ eine Richtung. Das geht sogar ab Koblenz ganz ohne umsteigen, wenn man die frühe Abfahrtszeit nicht scheut – ebenfalls 5:07. Ich bin aber auch schon für 59€ nach Berlin gefahren. Fernbus ist sicher auch günstiger.

Bei Kirchhain (Bz Kassel)

Die Fahrt durchs kurhessische Bergland zwischen Marburg und Kassel ist ganz schön, wenn auch nicht spektakulär. Ich kenne das auch vom Auto, kürzte ich doch hier jahrelang ab, statt außen rum über die Autobahn zu brettern und früher oder später Teil eines Staus zu sein.

Mir gegenüber sitzt ein Paar, das (noch) keins zu sein scheint. Sie studieren, aber nicht das selbe. Die fahren ziemlich sicher auch nach Berlin, hab ich belauscht. Aha, bin ich also nicht der Einzige hier mit meiner Idee.

Next Stop Kassel- Wilhelmshöhe. Die Umstiegszeit schmilzt zwar immer weiter, aber es wird schon reichen für den Anschluss an den RE 9 nach Halle/Saale. Ich frage mich, was eigentlich mit der documenta los ist. Man sieht nichts, man hört nichts, auch in meinem Kulturradio SWR2 nur spärliche Informationen. Dabei beginnt sie in einer Woche – am 18. Juni und läuft 100 Tage. documenta fifteen in Kassel

Ich habe drei von den fünfzehn Documentas besucht und kann mich daran erinnern, daß schon Monate vorher viel davon zu spüren war. Diesmal blieben mir nur irgendwelche Antisemitismus- Vorwürfe hängen, die aber haltlos zu sein scheinen. Immerhin wird die Kunstschau diesmal von einer Gruppe aus Indonesien kuratiert, dem Künstler:innenkollektiv „ruangrupa“.

Umstieg in Kassel Wilhelmshöhe problemlos, was ist hier den loos? Jetzt sind wir eindeutig schon im Bonustrack mit dem Tagesglück. Auf dem Nachbargleis fährt der ICE nach Berlin.

Na, jedenfalls auch an diesem Bahnhof nichts zu spüren von der wichtigsten Schau moderner Kunst. Draußen liegen wellige Landschaften, hügelige Kleinode in der Sonne, und wir fahren zügig über das Eichsfeld und den Südharz.

Friedlichere Bilder gibt es kaum

Mir gegenüber sitzen zwei angenehme Jungs mit einem Rucksack voll Bier und weiteren Gepäck. Sie wollen auch nach Berlin, am Sonntag zurück. Sie bestellen Schuhe bei Zalando in Gelb und Orange („aber mehr so frisches Orange, nicht so Leder-Orange“). Schade daß ich nicht auf deren Display gucken kann.

Im Eichsfeld – könnte aber „überall“ sein

Dann kommt die „Goldene Aue“ zwischen Südharz und Kyffhäuser. Eine Mitreisende macht uns auf das Kyffhäuser-Denkmal und die Barbarossa- Höhle aufmerksam. Dieses Jahr ist Jubiläum: 900 Jahre Kaiser Friedrich der I. Barbarossa. Und die Höhle ist auch schon immerhin 150 Jahren geöffnet.

Am Horizont zu erkennen: Kyffhäuser-Denkmal

Dritter Umstieg: In Sangerhausen in den RE 10 nach Magdeburg. Wir hatten nur 10 Minuten, waren aber von Kassel sehr pünktlich. Das ist wohl der einsamste Umsteige-Bahnhof meiner Reise heute. Der Zug ist voll, aber ich bekomme einen Platz. Neben mir eine umfangreich gewandete Frau aus dem arabischen Raum, mir gegenüber eine beinahe unbekleidete Punkerin mit roten Haaren, Tatoos und Metallschmuck am Körper. Im Viererabteil gegenüber eine Familie mit zwei süßen Kindern und Hund. Allerdings haben die Eltern überhaupt keine Lust auf nervige Kinder und ermahnen sie überhart. Besonders die Mutter hat eine extrem kurze Zündschnur. Draußen gibt es nichts zu sehen außer flaches, weites Land. Denn wir fahren im großen Bogen um den Harz herum nach Norden. Hier war ich in den neunziger Jahren oft im Außendienst unterwegs für all die guten Magazine, die heute schwer zu leiden haben: Stern, Spiegel, GEO, Brigitte, Capital und 40 weitere. Diese Magazine verkauften im verarmten südlichen Sachsen-Anhalt schon damals homöopathisch wenig.

Letzter Umstieg Magdeburg Hbf in den RE1 nach Eisenhüttenstadt. Das liegt hinter Berlin an der polnischen Grenze. Ich habe sogar noch 10 Min Zeit und gehe schnell in das gegenüber liegende Einkaufszentrum, um ein Eis zu holen. So langsam komme ich unter Zucker und kriege auch Durst. Deshalb noch eine überteuerte Flasche Wasser am Bahnhof dazu. Ich vermisse den Gang in den Speisewagen. Wie oft war dieser in all den Jahren nicht oder teilweise in Betrieb, wie oft gab es „nur ein Snackangebot“. Aber es gab auch Reisetage, an denen sie alles hatten was auf der Karte stand, das Bier gab es in einem richtigen Glas und zum Nachtisch eine heiße Schokolade, in die ich immer noch zwei Töpfchen Kaffeesahne und zwei Tüten Zucker extra schüttete. Das kann man nicht bekommen für 9€ einen Monat lang mit der Bahn, logisch!

Das mit dem Eis war vielleicht ein Fehler, denn der Zug stand schon am Gleis, als ich dort eintraf. Und natürlich waren die meisten Menschen schon eingestiegen. Hier könnte nun doch noch das echte 9€-Feeling aufkommen. Nicht, daß ich das vermisste, aber ich mußte damit rechnen. Ich fand immerhin einen freien Klappsitz quer zur Fahrtrichtung. Auf den ersten Blick ein Notsitz aber mit dem Vorteil, die Beine ausstrecken zu können. Nach mir strömten immer noch mehr Leute in den Zug und wandelten ratlos zwischen den Koffern, Hunden und Fahrrädern auf und teilweise auch ab. Das Sitzen war allmählich anstrengend, Ich hatte um 4:33 das Haus verlassen und war nun 10 Stunden unterwegs. Die flache norddeutsche Landschaft machte müde, doch schlafen ging so nicht. Andere können das besser, die schlafen sogar im Stehen!

Ab Brandenburg/Havel war Crunchtime. Jetzt kämpften die Leute um einen Platz, trauten sich nicht aufs Klo, umhin nicht zu verlieren. Zur Toilette gab es kein Durchkommen mehr, jeder Quadratzentimeter war belegt und die Klimaanlage schnaufte, um all die Abgase nach draußen zu befördern. Ich konnte nicht mehr gut sitzen, mein Körper brauchte eigentlich Bewegung. Die Ohren schmerzten von 10 Stunden Maske tragen. „Pließ wier änn EffEffPiTu Mask“. Noch 30 Min bis Ostbahnhof . Aber auch jetzt waren alle Reisenden diszipliniert genug, sich nicht mehr als nötig auf die Nerven zu gehen.

Berlin Hauptbahnhof – wir sind pünktlich!

Letztendlich ging das aber alles noch, denn es war voll aber nicht chaotisch. Erst jetzt empfand ich es als wirklich richtig, das Fahrrad nicht mitgenommen zu haben. Die Sensation ist perfekt: Ohne Stau und fahrplangetreu für 9€ einmal quer durch Deutschland in die Hauptstadt – pünktlich! Mit 5 Zügen in knapp 11 Stunden.

Man sollte wohl einiges beachten: 1. Gleich morgens den ersten Zug nehmen. 2. Möglichst Antizyklisch reisen, nicht wenn alle fahren. 3. Kein Fahrrad in den Stoßzeiten mitnehmen. 4. Konsequent ganz vorn oder ganz hinten einsteigen. 5. Schon vor der Einfahrt des Zuges am Gleis stehen. 6. Genug Wasser und Speisen mitnehmen. 7. Einen dicken Pullover dabei haben, vor allem im Sommer. Je wärmer es draußen ist, desto kälter sind die Züge drinnen. 8. Mehrere Masken zum wechseln, Ohrstöpsel zur Lärmdämpfung und eine alte Plastiktüte zum Sitzen auf Stufen oder auf dem Boden wenn es nicht anders geht.

Berlin Ostkreuz- es geht wieder zurück

Guten Morgen Berlin, drei Nächte später. Schon um 5 Uhr bin ich wieder unterwegs mit der S-Bahn zum Ostkreuz. Dort frühstücke ich zwei Karottenkuchen und zwei große Kaffee beim „Haferkater“. Die öffnen um 5:30 und ich bin der erste Kunde.

5:54h geht Teil 2 des 9€-Abenteuers los – mit dem RE1 nach Magdeburg. Die Pendler stöhnen kurz auf, als sie sehen, wie voll der Zug ist. Gegenüber fährt der EC41 nach Warschau Wschodina. Da kriegt man gleich wieder Reiselust. Es war eine gute Idee, nicht zum Hbf. zu fahren um erst dort einzusteigen. Denn mit jeder Station wird es voller – Ostbahnhof, Alex, Friedrichstraße. Am Hauptbahnhof dann der ganz große Personalwechsel: nicht beim Personal sondern bei den Reisenden. Der eine oder die andere Verbleibende setzen sich noch auf einen „besseren“ Platz, dann kommen die Neuen. Charlottenburg, Zoo, Wannsee, Potsdam. So langsam entspannt sich die Lage. Denn wer fährt schon zur Arbeit mit dem Zug aufs Land?

Ich checke kurz die Bahn-App.

Die nehme ich seit Jahren, die ist gut, solange alles einigermaßen planmäßig läuft

Erst vor kurzem habe ich die Favoritenfunktion oben rechts entdeckt. Da habe ich gestern die Rückreise mit Stern markiert und kann mit einem Klick sehen, was ich wann als nächstes machen will.

Auf die Züge klicken, dann sieht man den detaillierten Reiseverlauf, alle Stationen, Wagenstand bei Fernzügen usw.

Wir sind bisher pünktlich und mit jeder Stunde arbeitet sich die DB in meiner „internen Bewertung“ mal wieder mehr aus dem Keller raus.

Viel Platz im RE10 Magdeburg – Erfurt

Umstieg problemlos, auch Radler haben reichlich Platz. Ich habe sogar eine Art Gruppenabteil dieses Abellio-Zuges entdeckt. Ohne hohe Lehnen und deshalb mit Ausblick wie in einem Speisewagen.

Gruppenabteil, da kann ich die Beine hochlegen.

Wir fahren durch den Süden Magdeburgs – Buckau, Fermersleben, Salbke, Westerhüsen und weiter nach Schönebeck/Elbe. Hier wohnte ich in den achtziger Jahren mal und hier war früher der Schwermaschinenbau zuhause: Krananlagen für die Häfen der Welt, Traktoren, Chemieanlagen, und andere Großgeräte wurden hier früher erdacht, produziert, montiert. Diese Wirtschaft folgte auf die frühe Industriezeit mit den Panzern aus den Schmieden der Gruson-Werke. Kein Wunder, daß die Stadt im Krieg flächendeckend bombardiert wurde, um möglichsten viel davon auszulöschen.

Abgesehen von den modernen Anzeigen: bröckelig-morbider Charme in Schönebeck Hbf.

Das Fahrradabteil ist gut gefüllt. Mit einer Gruppe unterhalte ich mich. Sie wissen noch gar nicht ganz genau, wohin sie wollen. Rothenburg ob der Tauber, Kehlheim, Altmühltal und später irgendwie zurück mit Bahn und Rad. Auch das war sicher der Sinn des 9€-Tickets.

Heute morgen in Berlin waren Bauarbeiter im Zug, die sollen auch mit dem 9€-Ticket zu ihren Baustellen fahren, nicht mehr mit dem Kleinbus. Ja klar, der homo economicus kann rechnen.

Der Zug fährt im Straßenbahntempo durch die Börde, den Ostharz, das Mannsfelder Land und den Südharz weiter planmäßig- ein Wunder!

Hettstedt
Meine Route durch Sachsen-Anhalt

Umstieg in Sangerhausen in den RE9 nach Kassel Wilhelmshöhe unproblematisch. Die Bahn wird mir unheimlich. Vielleicht sollte ich immer nur noch Regionalbahn fahren.

Es wird enger, jetzt fahren „alle“. Da hilft die Regel 4: konsequent am Ende einsteigen und so bekomme ich meinen Platz. Neben mir sitzt ein Mann aus dem vorderen Orient, würde ich sagen. Er sieht Unterhaltungsfilme, allerdings ohne Kopfhörer, aber nicht zu laut. Das hatte ich schon schlimmer. Der Mann ihm gegenüber braucht fast zwei Sitze, so breit ist er. Aber er ist auch lang und streckt und spreizt seine Beine so sehr, daß auf unserer Seite kaum Platz bleibt. Dabei schnarcht er und seine Maske ist bis fast unter dem Rauschebart herunter gerutscht. Das ist bestimmt ein Gemütsmensch, denke ich, und das bestätigt sich, als er wach wird. Die beiden unterhalten sich, bevor jeder wieder zu seiner Beschäftigung zurück kehrt. Diesmal sitzt er aufrechter und nur der Tisch hindert ihn daran, im Schlaf vornüber zu kippen.

Die zwei Frauen auf der anderen Seite des Ganges könnten unterschiedlicher nicht sein: Die eine klapperdürr, kalkweiße Haut, blond, guckt streng und genießt die Fahrt nicht, sondern erträgt sie in angespannter Haltung. Die andere dunkelhäutig mit ausladender Figur mit zahlreichen Ketten, Ringen und Ohrgehänge. Sie wiegt den Kopf im Takt der Musik, die sie hört. Komplett sind wir dann noch durch einen emsig und konzentriert tippenden jungen Mann mit Kopfhörern auf. Er ist in der Fensterecke total in seiner Welt für die gesamte Fahrt. Auch die Asiaten weiter hinten, der Tätowierte im Muskelshirt, der Mann im Military Look- alle sind einzigartig.

Beim Haferkater am Ostkreuz hatte ich mir zwei halbe Salatrollen gekauft. Ich gehe nun einfach in das leere 1. Klasse-Abteil vor uns zum Essen. Denn an meinem Platz ist kein Platz und da störe ich niemanden. Dann noch einen halben Liter Wasser nachgespült und fertig ist die verfrühte Mittagsmahlzeit. Leider ist das einzige WC in unserem Zugtrakt außer Betrieb und ich bekomme Probleme. Ich versuche es mit Autosugestion – oder was auch immer ich mache, versuche zu schlafen und an was anderes zu denken. Dabei hilft mir die Kälte. Draußen wird es warm, deshalb läuft die Klimaanlage. so sehne ich mir die Ankunft im häßlichen ICE-Bahnhof Kassel Wilhelmshöhe herbei und mache wieder einen Trick: Alle steigen aus, denn der Zug fährt in ein paar Minuten zurück und ich nutze das allgemeine Gedrängel, um in den vorderen Zugtrakt zu steigen und das WC zu benutzen. Das ist nämlich viel billiger und bequemer als ein Sanifair am Bahnhof, das ich auch erstmal ausfindig machen müßte.

Die Kasseler Wilhelmshöhe

Anders als der Bahnhof soll der Höhenpark hier in Kassel sehr schön sein. Die verbleibenden 29 Minuten reichen nur für ein schnelles Foto und einen Besuch im tegut Supermarkt. Nächster Zug ist der RE30 nach Frankfurt/Main. Er kommt pünktlich und ich versuche wieder Regel 4 – am Ende bzw. diesmal am Anfang einzusteigen. Das ist immer auch etwas Lotto, weil manche Lokführer bei der Einfahrt in den Bahnhof regelrecht verhungern, während andere zu weit durchfahren. So muß man beim Einfahren beobachten, wie sich diese:r verhält und den Standplatz nachjustieren. Klappt wunderbar und ich kann mir den Platz aussuchen. Zug Nummer 4 fährt pünktlich ab. Was soll mir heute noch passieren? Unglaublich, wie gut das läuft.

Zeit für mein Eis als Zwischenmahlzeit

Inzwischen hängen wir etwas im Zeitplan, aber ich habe Hoffnung, auch den letzten Anschluss an den RE2 Frankfurt-Koblenz zu schaffen. Immerhin sitze ich im ersten Wagen und könnte notfalls auch mit Rucksack sprinten. Etwas Restabenteuer bleibt.

Fünf Mädels auf Jück

Neben mir setzten sich nach und nach fünf türkischstämmige Mädchen, alle um die 18. Sie haben brav ihr Kopftuch und diese typischen weiten Kleider an. Ansonsten kichern sie um die Wette und sind unbeschwert. Sie sprechen fast alles auf Türkisch mit wenigen deutschen Einsprengseln. Sie tauschen sich über die Schule und Lehrer:innen aus. Offenbar haben sie etwas vor in Frankfurt. Zunächst mal machen sie jede für sich einen Corona Schnelltest und albern herum: „schschwanger!!“.

„Wie nau erreif Frankfurt Mainstation„

Es ist ihnen egal und beinahe auch mir, daß wir 15 min Verspätung haben. Ich nehme die Beine in die Hand und sprinte von Gleis 14 über den Querbahnsteig zu Gleis 20 mit meinem letzten Zug heute: RE2 nach Koblenz. Ich kann sogar noch ans vordere Ende laufen, wo aber auch kein Platz mehr frei ist. Immerhin lasse ich mich auf meinem Rucksack im Mittelgang des Fahrradabteils nieder.

Dann aber: „Wir warten noch 20 Minuten auf einen zweiten Zugteil, der vorn angehangen wird und auf den sie sich gern auch verteilen können.“ Na, das ist OK. Bis hierher eine super Sache und eigentlich auch nicht schade, daß größere Abenteuer ausgeblieben sind bei meinem kleinen Ausflug: mit dem 9€-Ticket nach Berlin und zurück.

Ich eß jetzt meine letzten Reserven: Lindt Mini-Pralinen. Die hab ich mir irgendwie verdient!

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