028 Grenze Russland – Kaliningrad

6 Stunden Wartezeit bis ich ab 0:00 Uhr über die Grenze kann, werden zur kleinen Ewigkeit in „Olgas BAR“ in Grodnowo. Denn der Fernseher dröhnte auf voller Lautstärke mit einer Übertragung des Schlagerfestivals aus Soppot – eine Art Carmen Nebel Show mit ungleich höherem Stimmungslevel. Auch Olga war begeistert bei der Sache, wenn sie nicht draußen rauchte. Lange Zeit war ich ihr einziger Gast und hatte schon gleich zu Beginn eine Flasche Bier getrunken. Das machte mich schläfrig – Olga ermahnte mich, ich dürfe fast alles, nur nicht schlafen! Ich vertiefte mich in meinen Kommissar Dupin „Bretonischer Stolz“ und kämpfte mich durch.

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Dann war es 23:59, ich trat mit Sack und Pack vor die Tür und ging an einem älteren Paar vorbei über  den staubigen Platz. Die Frau drehte sich urplötzlich rum „Hildebrandt!! – Rossia?? – Nu poÏdie!!“ Sie strecke mir die Hand entgegen und winkte dann zu Ihrem Auto. Ich war total verdattert, sagte „Ja, ähh, Guido, Kaliningrad?“ und schüttelte Ihre Hand. „Laduschin“ sagte sie, „dawai dawai“ wieder heftig gestikulierend. Krass das ging ja gut los! „Ich deutsche Mutter Deutschland“ sagte sie, ich hatte keine Zeit mich zu sammeln, aber begrüßte dann erstmal Ihren Mann – Wladimir. Sie heißt Rosa und lachte sich schlapp bei meinem Namen Guido „italianski!!! hahhaha!!“. Sie war stark angetrunken und bester Laune. Er war aber einigermaßen klar, hatte nur nichts zu melden.

Mit seinen groben Händen packte er sofort an und versuchte meinen Wagen samt Rädern in den nicht mal ganz leeren Kofferraum seines 25 Jahre alten Audi 100 zu pressen. Ich dachte nicht, daß mein Wagen heil bleibt, er ließ den Kofferraumdeckel dann einfach offen, ich setzte mich auf die karierte Decke auf die Rückbank und ab ging die Post!

Wir hatten insgesamt 7 Kontrollen zu überstehen, jeweils Zoll und Einreisekontrolle und davor und zu Schluß ein allgemeiner Schlagbaum + russische Militarpolizei. Ich habe mich gewundert, warum wir das Radio nicht wenigstens etwas leiser drehten und Rosa mal aufhörte zu rauchen. Sie rief immer dazwischen „wir haben einen Italiener dabei!“ Das machte es nicht leichter und Wladimir hatte nur wenig dagegen zu setzen. Dann wurde es ernst, wir stiegen aus, machten das Radio aus und Rosa stand kerzengerade: russische Paßkontrolle. Mit meinem Stempel tat sich der Beamte sehr schwer. Er fragte mehrmals wo genau ich hinwollte und was das soll. Ungläubig puhlte er sogar an dem Hologramm auf meinem Visum herum. Die Zoll-Leute waren nur voll Bewunderung, kontrollierten aber nicht. Dann waren wir durch und dann ging sie los, die wilde Fahrt!

Erlaubt waren 70, aber Wladimir forderte den Audi bis aufs Blut. Das Radio dröhnte abwechselnd melancholisch-dramatische Lieder und eine Art Turbopolka. Rosa qualmte, hustete und rief immer nach hinten. Sie erklärte alles mögliche und es klang manchmal auch eher wie schimpfen. Jedenfalls kam immer wieder Deutschland, Hitler und Stalin vor.

Ich wollte immer, daß sie anhielten, aber das konnte Wladimir mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Erst hieß es, sie ließen mich in Mamonowo raus, dann immer „später, es sei noch zu weit“. Zweimal hielten wir kurz an und mußten die Scheiben runter kurbeln. Es ging um den Straßenzustand: 70 Jahre alte deutsche Pflasterstrasse und hervorragender russischer Asphalt „wie Autobahn!“. Ich kramte das Wort „otlitschno“ hervor – ausgezeichnet, und das fanden sie gut. In Laduschin (Ludwigsort) wohnen sie und da durfte ich dann aussteigen. Wir herzten uns, Rosa wankte ins Haus und dann war es still.

Ich sortierte mich und dann lief ich durch die Nacht. Ich hatte zunächst Unterdruck, weil nun ja nur noch Vögel und Hunde Geräusche machten. Eine unglaublich schöne Erfahrung war der Lauf in den morgen selbst. Schon ab 2 Uhr dämmerte es über dem Haff, an dem ich ganz dicht vorbei lief. Schnurgerade Straße, nur alle paar Minuten ein gefährliches Auto.

Beim Reinlaufen in die Stadt gegen 4 gab es schon mehr Autos, auch Staubfahnen aufwedelnde LKWs und betrunkene Spätheimkehrer. Es war schon ganz hell. Die Stadt eine Ansammlung von abbruchreifen Wohnblocks und Industrie- Hafen- und Militäranlagen. Vor der Stadt viele unfertige aber schon bewohnte Eigenbauten. Für mich war es super, daß es nun nur 28 Kilomter waren. Das reichte völlig.

Ich schlief ein paar Stunden und dann ab in die Stadt. Es sieht zwar nicht so aus, aber ich wohne direkt im Zentrum: Leninski Prospekt Ecke Moskowskii Prospekt. Eine Art Autobahnkreuzung mitten in der Stadt. Es gibt einige wenige dem alten Stil nachempfundene Häuser, und es ist nicht möglich, ein Foto davon zu machen ohne irgendeinen Betonhaufen dahinter. Eins sieht aus wie ein Leuchtturm, da habe ich wieder ein Video gemacht.

Das einzige alte Bauwerk ist der Dom, der Turm ist klein, die Kirche aber groß.

IMG_20170528_135051Innen mit wenig Schmuck außer einer gut restaurierten Orgel + einer zweiten neu gebauten Orgel. Putin spendete das Geld dafür, steht auf einer Tafel. Und sie wählen ihn. Was absolut irritierend ist: Kein Kreuz in der gesamten Kirche. Da wo der Altar stünde, ist eine weiße Wand und eine Bühne für Aufführungen!

Da hat der große Sohn der Stadt – Immanuel Kant – mit seiner Aufklärung übers Ziel hinaus geschossen (ich weiß, es gibt noch den einen oder anderen weiteren Grund, aber das fiel mir eben ein).
Ich habe mir dann ein Ticket für ein Orgelkonzert gekauft und dann angehört, ein schönes Potpurri aus Klassikern (Bach bis Moderne) teils von beiden Orgeln gespielt.

Bin mal gespannt, wie lange meine 8000 Rubel reichen, die ich aus dem Automaten geholt habe. Auf dem Markt hab ich schon mal nichts gekauft: Je ein Stand mit Blumen, Kartoffeln+Zwiebeln und Gebäck. Der Rest Fleisch, angeboten ohne jegliche Kühltheke! Seit heute morgen! Für mich Wohlstandsvegetarier ein krasser Anblick.

Dabei gibt es auch moderne Einkaufszentren und Supermärkte. Ich denke, es ist eine Frage des Preises. Es gibt auch hemmunglos Pelzgeschäfte und andere Geschmacklosigkeiten für gut Betuchte.

Mich hat diese ganze Aktion mit Rußland tief aufgewühlt, mehr in die Richtung, wie es mir auch beim ersten Mal auf einem Schweizer Berg, beim Anblick des Eifelturms oder beim Anflug auf New York erging. Das ich das mal erleben darf!

Unterkunft: ibis Hotel Kaliningrad

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5 Gedanken zu “028 Grenze Russland – Kaliningrad

  1. Tolle Geschichte mit Rosa! Schön, dass sie Dich irgendwann rausgelassen haben – klang zuerst so, als ob sie Dich in die Wälder verschleppen …
    Weiterhin gute Beine und tolle Erlebnisse
    Stephan

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