040 Liepaja – Ziemupe

Heute war klar, ich würde die Landstraße nach Ziemupe immer gerade aus laufen und dann in der Pampa einen Schlafplatz suchen, direkt am Meer. Das hat auch geklappt. Was nicht klar war, aus den 28 km wurden irgendwie 31 und davon waren 20 km staubige Schotterstraße. Dazu später mehr.

Erstmal habe ich meine Tasche aus der Reparatur abgeholt, unser Mann hat super Arbeit geleistet, 4 wunderbare Flicken von innen auf die Wunden geklebt und die Tasche ist wieder dicht. Er hat sehr gut improvisiert.

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Zwischenzeitlich unterhielt ich mich mit Dean, er ist der Inhaber des Hotels. Er ist aus Australien für längere Zeit mit seinen 4 Kindern hier her gekommen, ihm gehört das alte Haus, sein Großvater lebte hier. Er ist auch sehr an meiner Geschichte interessiert und so hatten wir Gesprächsstoff bis die Tasche um 12 Uhr fertig war. https://www.liepajahostel.com

Dann gings raus nach Norden zunächst über die Brücke und in den Stadtteil Karosta. Eine alte noch funktionstüchtige Drehbrücke. Ich habe gelesen, daß Liepaja viele Jahre lang nur mit einem Passierschein zu erreichen war (militärische Gründe in der Sowjetzeit). Da ist es kein Wunder, wenn die Stadt jetzt noch einigen Nachholbedarf an Renovierung und Attraktivität. Und es ist ein Wunder, wie sie schön sie dennoch schon ist. Der Stadtteil Karosta im Norden war noch strenger gesperrt und sieht nicht schon aus, weil es keine alten Häuser gibt. Er sieht so aus wie die ostdeutschen Wohngebiete der Roten Armee, kurz nachdem sie Deutschland verlassen hatte. Die Steigerung ist dann eine kleine „Gartensiedlung“ wiederum im Norden von Karosta mit alten, bettelarmen Leuten, die von der Gesellschaft nicht unterstützt und vergessen wurden. Dort hin habe ich mich verlaufen und ich war nicht der einzige. Ein Schweizer mit einem schicken Mietwagen-VW-Bus stand bei meiner Umkehr im Weg, so könnte ich ihm da heraus helfen. Denn die Leute dort sprechen russisch. Auch sie wollten helfen und ich konnte mich verständigen, aber der Schweizer wäre dort nicht weiter gekommen. Hier also Bilder von der Karosta-Brücke und der Sackgasse in diesem russischen Slum.

Dann weiter Richtung Norden, bis eine asphaltierte Buswendestelle klar machte, ab hier geht’s nur noch auf der staubigen Schotterpiste weiter mit fiesen kurzwelligen ausgewaschenen Spuren. Das Laufen ginge noch, mit Wagen ist es doof, auch Fahrradfahren geht überhaupt nicht gut. Das wahre Problem sind aber schnellfahrende Autos, die eine Staubfontäne machen und deren Steine durch die Gegend fliegen. Es waren nicht viele, aber die machen dann auch keinen Spaß.

Warum eigentlich Schotterstraße? Ich laufe ja möglichst keine Waldwege mehr wegen Sand und Sumpf. Denn die Regel Nummer 1 will ich hier gern wiederholen: Wo nichts los ist, gibt es keinen Radweg! Hinzu kommt jetzt Regel Nummer 2: Wo nichts los ist, sind die lettischen Straßen nicht asphaltiert! Regel Nummer 3 ist eigentlich eine Binsenweisheit, aber die muß ich mir auch immer wieder in Zusammenhang mit 1 und 2 ins Gedächtnis holen: Denk Dir keinen Radweg, wo keiner ist! Meine Rettung sind oft diese kleinen Läden, die es in Polen, Rußland und eben hier in Lettland gibt (nicht auf meiner Route in Litauen). Die haben irgendwie immer offen, eine Art Spätverkauf, wie es sie heute auch reichlich in Berlin gibt (Späti).

Irgendwann war ich in Ziemupe (die Namen werden auch immer drolliger), folgte meinem nicht ganz zuverlässigen Instinkt und kam über einen nirgends verzeichneten Weg direkt ans Meer und hatte meinen Schlafplatz. Es war einfach nur schön, abgesehen von den Mücken. Ich holte meine finnische Giftkeule raus, roch dann wie eine Parfümerie 1982 in Ostberlin, und dann ging es mir richtig gut.

Ich konnte alles benutzen, was ich auf den letzten 900km nicht gebraucht hatte, toll.

Dann las ich meinen Krimi und wartete auf den Sonnenuntergang.

 

Als es kalt wurde rollte ich mich im Zelt ein und schief ganz gut (hab mir mit dem Kissen den Hals verdreht).

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Abenteuer pur, die dollsten Geräusche, aber ich habe keinen Menschen gesehen oder gehört. Auch das Meer wurde immer ruhiger in der Nacht.

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2 Gedanken zu “040 Liepaja – Ziemupe

  1. Lieber Guido, toll, Du bist in Lettland angekommen (muss man sich mal vorstellen!). Kleine Zusatzinfo zu Karosta: Es gibt da eine Menge alter Bausubstanz: ganze Alleen mit Geisterkasernen und Gespenstervillen. Für mich definitiv ein Ort, den man in seiner Absurdität mal gesehen haben muss. Liebe Grüße aus Hamburg, Stefanie

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    1. Liebe Stefanie, dieses Karosta hat mich auch beeindruckt, auch wenn man nur gerade durchläuft, ist es schon schaurig. Du kennst Dich gut aus und wärst hier hinten auch schon unterwegs? Herzlicher Gruß, Guido

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