21 Algarve Bretagne von Lissabon nach Nazaré

Ich will mich fragen ‚ist es OK, froh und unternehmungslustig von meinem Abenteuer in der Sonne Portugals zu berichten, während am anderen Ende Europas Krieg und Kälte herrscht und ein unschuldiges Land auf Anordnung eines fehlgeleiteten Diktators mit Tod, unendlichen Leid und Zerstörung überzogen wird?‘. Und ich denke, es ist OK, eine Monate vorher geplante Reise auch zumachen, denn sie ändert nichts an diesem Krieg. Es ist das Leben, das wir führen wollen, selbstbestimmt und ohne Angst vor Repressionen oder gar bedroht durch den Überfall eines Nachbarlandes. Ich gestehe ein, daß es mir und vielleicht auch denen, die mir folgen, gelegen kommt, immer mal eine Weile das grausige Verbrechen gegen die Menschlichkeit auszublenden.

Gern berichte ich aber auch von Menschen, die Anteil nehmen und kollektiv ablehnen, was dort passiert. Auf vielen öffentlichen Gebäuden weht die Ukrainische Flagge. Auf den wertvollen Werbebannern der Fußballvereine fand man Platz für gelb-blaue Schriftzüge „No War“. Spätestens jetzt am Abend, wo ich den Beitrag des heutigen Tages schreibe, läuft im Restaurant CNN Portugal. Der Ton ist abgeschaltet, aber ich kann ganz gut folgen , was gesendet wird und gestern mußte ich leise weinen bei demAnblick der Flüchtlinge und der tapferen Landesverteidiger. Ich selbst war ja 2019 in meinem Abenteuer Transkaukasien einige Tage in Odessa und Lviv und habe von dort froh berichtet, was ich erlebt und gesehen habe. Und da herrscht jetzt Krieg. Am Tage informiere ich mich nicht, aber morgens auf den Webseiten zweier Zeitungen und Abends CNN. Die Menschen sprechen darüber an den Tischen und schütteln die Köpfe. Heute war zu sehen, daß die ersten Vertriebenen in Portugal in Braga eingetroffen sind ..

Ich mußte mal loswerden, wie sehr mich das belastet, obwohl ich weißgott genug Ablenkung hätte. Heute dachte ich, daß jemand seine Haustür blau-gelb gestrichen hat, zwei Farben, die so im rot-grünen Portugal kaum vorkommen. Aber es waren nur zwei Recyclingtonnen, die nebeneinander standen. Wie mir, so geht es wahrscheinlich vielen.

Brücke über den Tejo in Lissabon

Heute machte ich nochmal ein Foto von der Brücke. Sie hat echt Ähnlichkeit mit der Golden Gate.

Küche im Hostel Rossio in Lissabon

Vorher gab es noch Frühstück im Hostel, und es gab alles, was man so braucht: Crêpes, die ich mit Marmelade bestrich (in Portugal schmeckt alles, sogar billig aussehende Marmelade), Kaffee, Toast und Rührei zum Beispiel. Das tat richtig gut.

Mir gegenüber setzte sich Antony, Typ zerstreuter Professor. Er brauchte sich gar nicht zu setzen, denn er mußte sich ja erstmal alles zusammensuchen. Jedesmal, wenn er was hatte, setzte er sich um dann wieder aufzustehen, und das Restliche zu holen. Als er zum dritten Mal stand, signalisierte ich ihm Messer und Gabel. Er wollte mir das dann bringen und ich sagte, es sei für ihn selbst. Dann sagte er „ach ja, stimmt, gute Idee, brauche ich ja selbst auch“. Er ist sicher siebzig und sah mit seinem karierten Jackett und einfarbiger Hose ganz adrett aus, aber vorhin, oben bei den Zimmern, schlurfte er erbärmlich aussehend in ausgeleierter Baumwollwäsche den Flur entlang zum Gemeinschaftsbad.

Wir sprachen erst französisch und machten dann auf englisch weiter. Ich wollte wissen, wo er herkommt (denn er wird ja nicht aus Lissabon sein und sich hier im Hostel einquartieren). Aber doch, er ist aus einem Vorort und hat aber Probleme mit seiner Wohnung. Womöglich auch Probleme mit dem Zusammenleben in einer Wohnung. Denn Geld wird es wohl ich sein, selbst das billige Hostel ist mit 23€pro Nacht noch teurer als eine Wohnungsmiete am Stadtrand. Er sprach sogar etwas deutsch, weil er 14, nein 15 Tage in Deutschland war. Erstaunlich, denn ich bin bald eine Woche hier und habe noch fast nichts auf Portugiesisch dazu gelernt. Ich forschte auch hier, kam aber nicht viel weiter, warum er in Nürnberg war. Ich fragte, ob wegen Business oder Bildung. Er nickte und wollte darüber nicht ins Detail gehen. Viel lieber wollte er von mir wissen, woher, wohin. Nazaré lobte er in den höchsten Tönen. Wir verstanden uns und wir mochten uns.

Vorbildlicher Radweg bis nach Vila Franca

Draußen war auf den ersten Kilometern nicht viel zu sehen. Klar, das Messegelände und Vorzeige- Wohnsiedlungen für Hauptstädter, dann Containerhafen und jede Menge Industrieanlagen. Da durch führte ein Radweg über immerhin 32 km bis nach Vila Franca. Den würdigen Abschluß bildete ein Radweg wie eine rote Tartanbahn entlang des Tejo. Dann war Schluß mit lustig und es ging eben weiter durch nicht mehr ganz so blitzblanke Industrieareale auf ausgefahrenem Asphalt raus bis hinter die Autobahnen.

Hinterland von Lissabon

Im ländlichen sah man dann schon den Montejunto, ein ziemlich hoher Berg, auf den ich hoffentlich nicht hoch mußte und gegenüber den kleine Monte Redondo (FCK-Fans horchen auf, ja wirklich!).

Nicht hoch aber schön rund, auch wenn er zu vermieten ist – Monte Redondo

Der Montejunto ist eigentlich eine ganze Bergkette, die mich von der Küste trennte. Wenn ich nicht drüber geführt wurde, mußte ich drum herum am nördlichen Ende, ich mußte hinter die Kette kommen (sorry, schon wieder Fußball).

Bergkette Montejunto – in echt wesentlich beeindruckender .

An den Hängen der Berge wächst Wein.

Ich hatte mich schon gefragt, woher denn wohl der Portugiesische Wein käme.

Später – ‚hinter der Kette‘ – gab es jede Menge Obst- und Weinplantagen. Es ist ja nicht wie bei uns, wo man die Steilhänge der Flüsse nutzen muß, weil deren Klima mild genug dafür ist.

Obstplantagen

Ich sah sogar zwei Fruchtsaftproduzenten mit ihren Edelstahltanks, die verarbeiten, was hier geerntet wird.

Endlich mal so eine typisch portugiesische Windmühle

Hinter einer weiteren Bergkette kamen wir nun endlich wieder ins flachere Land, denn ich wollte längst eine Pause machen. Bei km 94 in Caldas da Rainha war es dann soweit.

Das Fahrrad, ohne Schloß, aber optimal im Blick

Ich aß alles, was sie hatten (Mittag war eigentlich vorbei) und dann noch einen Kuchen, der aus Crêpes bestand plus einen Galão. Nazaré war ja nur noch etwa 25 km weg, wurde aber partout nicht ausgeschildert. Na, egal. Mich plagte eine neue Sorge: Irgendwas stimmte mit dem Rad nicht. Erst dachte ich, es sei etwas zwischen die Bremsen gekommen, vielleicht ein Zweig, aber: nichts. Jedenfalls wird eines der Räder, ich konnte das gar nicht so genau orten, im bestimmt Situationen unsanft abgebremst. Vielleicht war auch die Bremse locker und verklemmte sich irgendwie. Da war aber alles fest. Manchmal, wenn ich rollen ließ und über ein Schlagloch sprang, wollte ein Rad am liebsten blockieren, wenn ich dann bremste, gab sich das wieder vollständig. Gefühlt wird das öfter, ich kann das also nicht ewig ignorieren. Nach letzten Erkenntnissen ist es etwas innen im Hinterrad. Vielleicht stimmt was mit dem Freilauf oder den Radlagern nicht. Ich sollte damit in einen Fahrradladen, sah aber keinen. Das Problem ist ungelöst.

Durch mehrmaliges Anhalten deswegen verzögerte sich meine Ankunft in Nazaré immer mehr, aber irgendwann rollte ich vorbei an der Marina.

Paulus aus Vilnius

Mir entgegen kam Paulis aus Litauen, der die letzten seiner vielleicht 7000 km bis nach Lissabon unterwegs ist. Dort empfängt ihn seine Familie und sie fliegen zusammen nachhause. Wir unterhielten uns bestimmt eine halbe Stunde. Das war mir wichtiger als ein paar Fotos mehr im Abendlicht von Nazaré. Er schläft meist im Zelt und hatte alles dabei. Gute Reise, Paulus!

Warten auf Wagner

Am Feuerwehrhaus hielt ich an und suchte nach einer Unterkunft. In 20 Minuten wollte Wagner hier sein, er heißt so mit Vornamen. Das machte ich solange noch ein paar Bilder mit der guten Kamera und dann wurde mir kalt.

Vorn an der Spitze brechen sich spektakulär die Wellen.

Er ist aus Brasilien und betreibt hier sein Hosten „Peace and Love„ und so sieht es auch aus. Er selbst paßt mit seiner Erscheinung auch dazu.

Eine wunderbare Unterkunft – 20€

Es gibt alles, was man je brauchen könnte, sogar eine frisch gestimmte Gitarre, Netflix, Kaffee.

Er schaltete mir noch das Meditationsfernsehen ein und verließ mich dann.

Nun wollte ich noch runter an den Strand, da gibt es reichlich Restaurants, die sich über jeden Gast der Vorsaison freuen.

Die Kamera ermöglich mir diese Bilder
Die vielen Gassen von Nazaré sind anheimelnd
Gegenüber ein Schrägaufzug hoch auf den Felsen
Unter den vielen Fotopausen leidet die Geschwindigkeit, aber das ist kein Rennen

traumhafte Stadt am Atlantik

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