Bis auf ein paar heftige Windböen hat Thor uns in der Senke tatsächlich in Ruhe gelassen. Es ist etwas unheimlich, daß es am Morgen wieder nicht regnet. Nachts war ich einmal draußen, der Wind war eingeschlafen, eine rote, tiefe Sonne schien waagerecht in die Wolken hinein, aus denen es latent nieselte. Eine ganz tolle Stimmung, die man nicht fotografieren kann. Ich nicht. kann.

Wir haben einen Balken Empfang! Ich rufe die eMails ab und Westtours, bei denen wir das Boot ab Hesteyri gebucht haben, schreibt: „Aufgrund der extrem schlechten Wetterprognose wird am Feiertag, am Samstag und wahrscheinlich auch am Sonntag kein Boot fahren. Wir sollen uns in Sicherheit bringen – stay safe!“

Tja, das mit dem Boot ist ja blöd. Heute ist Donnerstag , es geht noch ein Boot von Borea Adventures (keine Ahnung, ob die uns mitnehmen) und wir sollten uns schleunigst auf den Rückweg machen.

Wir sind ein geöltes, eingespieltes Team, essen unsere Panzerplatten, jeder einen halben Riegel, paar Nüsse und Rosinen, alles wie immer. Wir würden weniger Nahrung brauchen, wenn wir heute schon übersetzten, aber darauf lassen wir uns nicht ein. Wir tun so, als wenn wir noch viele Tage auf Hornstrandir bleiben werden. No risk. Aber wir machen alles besonders zügig und sind schon 9 Uhr unterwegs.
Wieder durch nasses, teils sandiges, teils sumpfiges Schwemmland, durch den Fluss (diesmal ganz barfuß, weil der Grund bis auf ein paar grobe Steine sandig ist – das geht schneller). Dann den steilen Hang hinauf, diesmal folgen wir dem Trail von unten und behalten ihn wesentlich länger, als auf dem Hinweg. Dafür müssen wir beide genau hinsehen. Aber auch das können wir nun gut. Und natürlich sitzt jeder Schritt, kaum Fehltritte. Diese Tage haben uns stabiler und fitter gemacht.

Auch oben auf dem 300 m – Plateau können wir noch ein paar Hundert Meter dem Trail folgen, dann ist er nichtmehr zu erkennen. Uns bleiben die Steinpyramiden.

Wir wandern still nebeneinander her. Das war in den ersten Tagen nicht so, da haben wir uns so viel zu erzählen gehabt und pausenlos geflaxt. Jetzt aber wird uns klar, daß, wenn alles klappt, es die letzten Wanderkilometer auf Hornstrandir sein werden. Nur wenn es um die Route um das obere, gefährliche Schneefeld geht, das wir gestern schon umgangen haben, stimmen wir uns ab. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Jaap fängt irgendwann wieder an zu singen. Sein Repertoire reicht von holländischen Kinderweisen über Rock bis Schlager. Er pfeift auch gern ganze Lieder, inklusive Strophen, Refrain – da capo am fine. Er kann auch Ray Charles nachmachen. Wir lachen und die Leichtigkeit ist zurück.

Am der Kante können wir runter ins Tal sehen. Wenn jetzt ein Boot in unseren Fjord führe, sähen wir das und ich wäre bereit, in den Wanderstiefeln mit Rucksack die 2,5 km runter zu rennen, um es zu erwischen. Der Weg ist hier vergleichsweise komfortabel. Aber kein Boot. Ich muss jetzt die Nerven behalten.

Unten angekommen, erzähle ich Rolfus von der Situation und er greift zum Hörer. Eine Minute Telefonat mit Alex von Westtours und wir sind sicher: Das Borea-Boot hat Plätze frei und kann uns mitnehmen. Das ist nicht selbstverständlich, gestern war 17. Juni = Nationalfeiertag und Donnerstag und Freitag sind Brückentage. Da kann das Boot schnell ausgebucht sein mit Tagestouristen.
Wir sind happy, Zeit für einen Kaffee und Entspannung!



Ich bin zurück in der Zivilisation!

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