Rolfus vom Old Doctors House hat uns mehrfach erzählt von Lautre, auch zwei zähe Männer von Gibraltar – Mike und Wayne – hatten uns davon erzählt. Man spricht es „Lautre“. Ich kenne eigentlich nur ein Lautre, und weil die Pfalz nicht in den Westfjorden liegt, kann ich mir keinen anderen Reim darauf machen, als dass wir heute den Chapter „Island“ des FCK gründen sollen. Na, erstmal frühstücken wir und unterhalten uns mit den beiden Recken vom Südwestzipfel Europas.

Die beiden wandern pro Tag doppelt so weit wie wir, haben relativ wenig aber gute Ausrüstung dabei und sind hochmotiviert. Zumindest Wayne, der seinen etwas gemütlicheren Bruder antreibt und er lässt es sich gefallen. Sie sind nicht mal halb so alt wie wir, also wundern wir uns nicht, wie zäh sie sind.

Nun geht es wieder los, in eine Richtung von Hesteyri, die wir noch nicht hatten. Es weht ein kalter Wind, aber es ist weiter trocken. Wir sind uns einig, solange es kein Orkan ist, wird es gegenüber einem starken Regen das kleinere Übel bleiben.

Unten im Ort treffen wir noch Alexandra aus Alicante. Das ist nun schon das dritte Mal. Sie ist Guide bei Sjóferðir und sie ist ein Stück mitgefahren, als wir ach Veidileysufjördur unterwegs waren. Dann war sie Guide für eine Gruppe in Hornvik und auch jetzt macht sie wieder Touribegleitung. Ich erwähne sie, weil sie uns den Tip gibt, kurz nach dem ersten Peak ganz außen rum um das zweite große Schneefeld zu laufen. Darunter fließt ein breiter Schmelzwasserfluss, den man erst sieht, wenn man ihn passiert hat – ein wertvoller Freundschaftsdienst. Und an diesem Punkt sind wir jetzt.

Danach kommen 3,5 km Steine – eine kleine Ewigkeit, super anstrengend , obwohl wir inzwischen gut trainiert sind und das Gepäck leichter geworden ist. Ich habe von Jaap im Laufe der Tage das Benzin, den Kocher und das Geschirr übernommen. Auch er hat jetzt sein Wohlfühlgewicht und kommt wieselflink über die Spitzen der Stolpersteine hinweg.

Dann wird es lustig, wir treffen Hanjal wieder, die entlang der hochwassserumfluteten Küste nach Latrar gewandert ist und dort Sandra aufgegabelt hat. Am Abend war sie dann eben mal noch 6 km und 6 km zurück auf der ehemaligen amerikanischen Radarstation. Sie ist echt eine Goat – eine Bergziege. Wir fallen uns in die Arme und wollen wissen, wie es weiter geht. Sie haben tatsächlich vor, über den unpassierbaren Pass nach Norden vorzustoßen- in Hokas. Könnte sein, daß sie das hinkriegt. Viel Spaß !

Wir haben irgendwann die Kante des Talkessels erreicht und steigen ab in eine nasse, tiefe Sumpfebene. In der Mitte davon ist ein Fluss zu durchwaten, aber easy peasy- kein Problem (mehr). Meine Befürchtung, daß unten wieder Millionen Fliegen im Windschatten der Berge auf mich warten , erfüllt sich nicht. Aber dafür ist der Wind viel stärker geworden! Auch die beiden Ladys haben berichtet, sie seien fast weggeflogen.

Wir lösen das auf unsere Weise. Statt auf der offiziellen Campingwiese aufzubauen, stellen wir uns unten in den Windschatten des EmergencyShelter. Der ist diesmal keine Box aus Carbonfaser, sondern eine alte, muffige Hütte mit dem Notwendigsten, das man braucht, wenn draußen die Hölle los ist.

Trotz des morbiden Charmes: Es ist schon leichter, darin ein paar Klamotten aufzuhängen und den Kocher zu betreiben, als draußen wegzufliegen. Im Windschatten machen wir uns einen bunten Abend. Leider habe ich die New York Times vom Flughafen zwar mitgenommen, aber zum ausstopfen meiner völlig durchnässten Wanderstiefel verbraucht, die hätte ich jetzt schön lesen können, mit einem Abstand von 12 Tagen von den aktuellen News. Der Abend wird also nicht zu bunt und beschränkt sich auf das Einwickeln in eine alte Pferdedecke und einen halben Becher lauwarmen Tees ohne Zucker.


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