104 Helsinki City Marathon #hcm2017

Was für ein toller Marathontag – it’s raceday! Der Start ist erst 15h, da muß ich meine Rennroutinen etwas umstellen: Erstmal ausschlafen, spät  frühstücken und dann nochmal mittags Joghurt und Banane, dann keine Ballaststoffe mehr, dann Eiweißdrink, danach nichts mehr trinken nichts mehr essen, WC so oft es geht und dann zwei Stunden später los. Klappt alles.

Es ist sehr warm, wir unterhalten uns – Achim und Tina aus Wetzlar sind gute Läufer, wollen es aber ruhig angehen lassen, das sagen sie vorher alle. Sie wollen zusammen bleiben und deshalb glaube ich das auch. Achim ist nämlich ansonsten der Kracher mit seiner Bestzeit 2:46 vor zwei Jahren, da war er auch schon knapp über 50. Absolut bewundernswert.

Ich mache ein Foto vor dem Startbogen: Überall auf der Welt – ganz gleich in welche Sprache, steht immer Start oben drüber, außer hier, da heißt es Lähtö!

An der Moderatorenbühne fängt mich Lalle ab. Ich sei doch der Guido mit den 2000km, wir würden gleich ein kurzes Interview für die 4500 Läufer und das Publikum machen. Hui, ich muß kurz atmen, aber ich liebe Überraschungen, also dann. 

Es lief super und ich beherrschte mich auf jeweils wenige Sätze. Das ist eine gute Übung für mein Live-Interview am 18.8. in der Landesschau R P des SWR kurz nach 19 Uhr. Ich hab sowas noch nicht gemacht, fand mich aber gut heute. Nach diesem Auftritt kannten mich alle, klopften mir auf die Schulter und klatschten mich ab. 

Start: Ich hatte über 400 Läufer/innen vor mir, wie sich später heraussstellte, 200 zuviel. Anders als zuletzt beim Frankfurt Marathon habe ich aber nicht gleich begonnen zu überholen, sondern reihte mich brav 2-3 km ein, bis gut Platz dafür war. Mein Mantra heute: Es ist warm, sehr wellig, 2 Runden, drückende Gewitterstimmung, kein Wind – also l a n g s a m!

Zum Start hätte ich fliegen können, gut vollgetankt und erholt. Wir liefen eine große Runde über mehrere Inseln wie um einen See. Es gab sogar ein kurzes Stück wie ein Trail und es ging ständig auf und ab. Die Rampen waren zwar nicht lang und auch immer nur so bis zu 20 Höhenmeter, bei so einem MaRathontennen zehrt das aber, klar. So blieb ich demütig.


Ab km 15 traf ich einen jüngeren Läufer aus Erlangen, der hier seit vielen Monaten an einem Atomktaftwerk mitbaut. Es war sehr kurzweilig, wir sprachen über die Eigenheiten der Finnen, übers Laufen und alles mögliche. Die Quatscherei kostete Kraft, war aber eine super Ablenkung. Ende September startet er in Berlin, good luck!! Vielleicht liest Du das hier ja. Bei km 27 haben wir uns verloren. Es stand die Luft und es war, auch durch den weiter fließenden Straßenverkehr – vor allem Busse – keine gute Luft. Meine naturverwöhnten Lungen mochten das nicht. Aber egal. 

Bei km 30 mußte ich eine der Rampen mal wandern, das machten alle um mich herum. Ich kam immer wieder gut ins Laufen, viele andere blieben zurück, die hatten wahrscheinlich überpaced. Bei denen kommt dann Mr. Hammer.

Ich hatte das nicht, nur so eine schleichende Entkräftung. Seit dem 1. Mai hatte ich zwei GU- Gels mitgeschleppt, sonst habe ich 3-4 dabei. Eine super Sache war der ICE Power-Stand, km 8 und 33. Bei 33 hab ich mich komplett eindieseln lassen. Das war übertrieben und ich möchte nicht wissen, was zarte Haut dazu sagt, aber es wirkte! Ich will nicht sagen, ich fror, aber es war richtig kühl, erst recht, als auf der Westseite der Runde dann ganz leichter Wind aufkam. Die km 34 und 35 waren dann mal leichter.

Danach wie immer zu Schluß – es zieht sich. Insgesamt gab es wenig Zuschauer und bei der zweiten Runde waren die dann auch verschwunden. Ich fühlte mich, als wäre ich vorletzter und würde gleich durch den Besenwagen aufgelesen werden. Ich rekapitulierte meine Erlebnisse, vergegenwärtigte mir, warum und wie ich es hierher geschafft hatte. Um mich auf den letzten km nicht so zu quälen und noch etwas zu genießen, machte ich weitere Gehpausen. Auf 10 Minuten kommt es mir heute nicht an. Das war total schön. Die letzten Schritte ins Stadion waren trotzdem schwer, Oberschenkel bollehart. Zum Schluß ging es halt nochmal lange hoch.

Der Einlauf war grandios trotz wenigen Zuschauern. Ich sah meine Zeit 3:41:50 (brutto) und meinen Namen + Plazierung  auf der Anzeigentafel: 235! Oh, da kommen dann ja noch 2200 nach mir, offenbar ist es nicht ganz einfach heute.

Medaille plus Weizenbier – nein, plus Henkell trocken – was war das denn, Sekt aus Wiebaden? Na, angemessen ist es irgendwie. Alkoholfrei . Bischen viel Kohlensäure aber sonst überraschend gut. Ob das auch isotonisch ist?

Es gab dann eine Tüte, in die nach und nach alles reingefüllt wurde, was man abgezählt überreicht bekam. Gutes System. Es war irgendwie so leer im Stadion. Mir wurde eine kurze Massage empfohlen, ohne Dusche. Nagut, wenn es denen nicht unangenehm ist.

Es zog, ich war naß und ich frohr, da half auch kein Henkell trocken – haha. Mein Masseur war super, er packte ordentlich zu. Währenddessen wurde es immer dunkler und fing an zu stürmen. Das angekündigte Unwetter kam.

Mein Kleiderbeutel lag wie alle anderen 4.000 auf der abgesperrten Wiese. Ich hab die Massage abbrechen müssen und stürmte über den Platz bei apokalyptischem Regen. Die Absperrung wurde durch die Windböen umgerissen und ich griff meinen Beutel – sehen alle gleich aus, haben eine Nummer – der war wegen der Startnummer 2000 glücklicherweise ganz vorn! Eine Windböe wollte mich. ernsthaft abheben.

Mein Adrenalin war zurück, ich rannte über den Platz In die Vermeintliche Richtung der Duschen. Keiner wußte wo das sein soll und ich irrte umher. Einer drückte mir einen Zettel in die Hand und schrie“ 400 meters ahead.“ So sprintete ich den Berg hoch zu den Duschen. Kurz vor dem Ziel löste sich meine Tasche mit der Verpflegung endgültig auf und alles verstreute sich im Regenwasser.  Auch mein Handy, das hatte ich da vorhin reingelegt und vergessen. Oh Gott, ich raffte alles auf und stopfte es lose in den Starterbeutel um dann endlich in das völlig überfüllte Duschhaus zu kommen.

Läufer haben Humor, auf meine Frage, ob das die Dusche sei, sagte einer: „do you really need a shower? It seems you need a finnish sauna!“ Alle lachten. Recht hatte er. Und tatsächlich, selbstverständlich war bei den Duschen auch eine Sauna.

Leider das Sytem, das ich aus Keila in Estland kannte: Reinkommen, sofort reichlich Aufguß und nicht in der heißen Luft sitzen, sondern im heißen Dampf! Dafür bleiben aber alle nur kurz drin. Als meine Ohlöffel vom Dampf schmerzen und dann Russen kamen, die eine nich verschärftere Gangart fahren, muß ich raus. Ich brauche ewig, bis ich mich sortiert habe. Jetzt kommen auch wieder Läufer. Offenbar ist das Unwetter abgeflaut. Auch sie sehen zermürbt aus. 

Ich muß an Tina und Achim denken, die 30 min hinter mir waren. Die müßte das Unwetter voll erwischt haben. Haben sie unterbrochen? Wenn Ihr das lest, meldet Euch mal, ob und wie alles gut gegangen ist!

Ich trete raus in den nur noch leicht tröpfelnden Regen. Da sehe ich immer noch viele Läufer, die gerade erst den letzten km laufen. Es fahren keine Bahnen und Busse. So will ich mir eine warme Kneipe suchen und lande in einem FC Liverpool Pub.

Die Leute sind meist betrunken, stehen rauchend draußen. Keine schlechte Wahl. Ich gucke eine Halbzeit Premierlegue auf Großleinwand. Pep Guardiolas ManCity gehen Brighton. Leider nichts zu essen, aber WLAN und Bier, immerhin.

Erst nach 23 Uhr fahre ich mit einem Bus zur Pasila Station und von dort raus zum Flughafen. Es ist ein echtes Abenteuer – jeder einzelne Tag bis heute!


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10 Gedanken zu “104 Helsinki City Marathon #hcm2017

  1. Gratulation zur erfolgreichen Teilnahme am Marathon in Helsinki . Aber auch alle anderen Eindrücke und Erlebnisse während Deines 2000km Laufes waren sehr beeindruckend und von uns nachvollziehbar, da Du alles so gut beschrieben hast. Nun wünschen wird Dir eine gute Heimreise und bleibe gesund .

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  2. Ach mensch, ich hatte irgendwie verdrängt, dass deine Reise ja nun in Helsinki ihr Ende gefunden hat! :-O
    So schnell vergeht die Zeit… Herzlichen Glückwunsch zum guten Marathon-Ergebnis und vor allem DANKE für die tolle Dokumentation deiner unzähligen kleinen und großen Abenteuer!!
    Es hat wirklich Spaß gemacht, deine Erlebnisse zu verfolgen.
    Viele Grüße
    Katja

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  3. Hei Guido!
    Habe gerade über mich und unsere gemeinsamen km gelesen! Sehr cool! Helsinki war wirklich hart. Bin am Ende total eingebrochen. Lag entweder an unserem Gequatsche oder dem MD Triathlon zwei Wochen davor. Wie auch immer, es war wirklich eine außergewöhnliche Erfahrung und viel Spaß!
    PS: Vielen Dank für die Glückwünsche für Berlin! Haben geholfen! War super fit – bis zum Schluss!

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    1. Hei lieber Jan,

      toll daß Du Dich meldest. Ich habe noch länger an Dich gedacht und fand es schade, keinen Kontakt zu haben (wie immer bei solchen Gelegenheiten).
      Mir hat das Rennen mit Dir viel Spaß gemacht und es war dann ja auch noch sehr hart. Inklusive dem Finale furioso mit dem Unwetter zu Schluß. Was Du wahrscheinlich gut überstanden hast.
      Laß uns in Kontakt bleiben, herzlicher Gruß, Guido

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