Ein dickes Brett: 78k Ultra Kölsche Naachschicht

Die Kölsche. Naachschicht ist der kleinste Lauf auf dem Kölnpfad. Für mich ein riiesen Ding, weil natürlich ein Vorstoß in meine bisher längste Strecke. Ich habe mir im Laufe viele Gedanken gemacht über meine Ausrüstung und war rechtzeitig vor Ort, um mein Zelt aufzubauen. Da würde ich morgen früh völlig fertig hinein klettern, wenn alles klappt.

Die volle Distanz wäre über 170 km gegangen inklusive 32 Grad Tagestemperatur und 15 Stunden pralle Sonne. Unglaublich was manche so leisten und toll, daß zwei Frauen die ersten beiden Plätze dort belegt haben. Die Siegerin Claudia Krantz schaffte diese gut 100 Meilen in dieser Hitze in gut 22 Stunden!

Nun also für mich zum ersten Mal 75 km. Das mit der Distanz ist lustig: der Lauf heißt 75, der Track, den man auf sein Navi runterlasen kann (und sollte!) hat über 76 km, im Bus zum Start sagten die Leute, „die 77km schaffen wir schon“ und am Ende waren es über 78 km. Na gut, einmal hatte ich mich auch kurz verlaufen.

Der Startbereich am Rhein in Porz war für die längeren Distanzen der Verpflegungspunkt VP7. Und auch die meisten von uns fingen nochmal an, fleißig zu essen. Der Weg ist weit und dieser Lauf würde Kraft kosten. Die Stimmung war super und sehr entspannt. Das ist sooo viel angenehmer als zwischen dem einen oder anderen Hektiker bei einem Halbmarathonstart zu stehen. Ca 50 Läufer gingen auf die „kurze“ Distanz.

Wir trabten locker los, immer am Rhein entlang Richtung Süden. Es wechselten Uferwege, eine Art Schilfweg und Deiche ab, bevor wir dann weiter weg vom Rhein langsam die Richtung umkehrten und zwischen Feldern Richtung Norden, Richtung Flughafen Köln-Bonn liefen.

Grandioses Sonnenspektakel über reifem Getreide. Wir plauderten, lernten uns kennen und waren froh, daß es ganz ganz langsam kühler wurde. Die Pace war mit unter 6 Min / km eigentlich zu hoch, aber es machte Laune. Was wir weg hatten, hatten wir weg und die Nacht war sicher noch lang genug.

An meinem zweiten VP, dem VP9 hatten wir 27km und meine 5-6 Mitläufer blieben nur extrem kurz und wollten sofort weiter. Bis dahin waren wir ein fester Haufen, der sich gegenseitig motivierte und in wechselnden Kostenllationen nebeneinander her lief. Ich wollte also noch kurz am VP bleiben, meine Stirnlampe anbringen und noch Kaffee und heiße Brühe in mich reinschütten. Denn es kamen Halsschmerzen auf, die ich seit ein paar Tagen latent schon hatte. Die Brühe wirkte Wunder und ich trabte allein weiter. Jetzt waren es völlig andere Bedingungen: Stirnlampe und Navi und eben allein.

Ich versuchte nun, einen neuen langsameren Schritt anzunehmen und trabte noch langsamer. Denn so wie auf den ersten 27km hätte ich es ohnehin nicht durchgehalten. Irgendwann holte ich John ein, der noch vor unserer Gruppe vorhin Gas gegeben hatte und nun schon etwas morsch war. Wir unterhielten uns über seine Herkunft (Leeds) und wie es ihn hierher verschlagen hatte. Zusammen liefen wir auf Mark auf, der ebenfalls aus der Gruppe vorn zurück gefallen war. Mit ihm hatten wir richtig Glück, denn er hatte vorher schon erzählt, er sei hier aufgewachsen und liefe schon sein halbes Leben durch diesen Köningsforst, in dem wir uns gefühlt seit Stunden befanden. Das war super und wir ergänzten uns auch bei der Navigation. Es ist total wichtig, nicht von der Route abzukommen, denn sonst muß man zu dem Punkt zurück, an dem man falsch war.

Beim VP nach ca. 43 km war ich ziemlich fertig. Letztendlich wird dieser Lauf über die Orthopädie, nicht so sehr über das Herz-Kreislauf-System entschieden. Und das Wichtigste ist wohl die Psyche. Wir drei brauchten jeder eine Weile, aber ich am längsten. Ich ging eine Weile in die Hocke, was eine relative Wohltat ist. Klar- kommt man schlecht wieder hoch, aber die Dehnung ist bei der Hocke wohl sehr effektiv.

Ich trank dann Faßbrause vom Sponsor Frühsport, dann auch wieder Brühe und Kaffee. Essen ging nicht so gut, nur ein paar Banananstücke.

Und mein zweites dickeres Kurzärmlig- Shirt von thoni- mara zog ich über das hauchdünne, das ich bei der ersten Hitze zwar durchgeschwitzt hatte, was aber inzwischen trockner war.

Marc und John waren schon vorgelaufen, nach 3-4 km hatte ich sie wieder. John ließ sich immer öfter zurück fallen, aber ich war mir sicher, er gibt nicht auf. Mark hatte wie ich eine womöglich noch schlimmere Erkältung vor dem Lauf weggedrückt und wollte ursprünglich 110km laufen. Er ist sehr erfahren, hat diese Strecke auch schon besser geschafft und so hangelten wir uns aber mit Laufpassagen und Gehpausen durch die Nacht. Ich hatte ihm für seinen Hals die heiße Brühe empfohlen, aber beim nächsten VP bei km 54 hatten sie schon länger keinen Strom mehr. Da aß ich dann eine kalte Tomatensuppe und trank alles mögliche.

Der Königsforst lag hinter uns und somit auch die Steigungen. Mark und ich liefen immer noch zusammen, wobei er nach dem VP wieder vorgelaufen war. Er hatte Sandy aufgegabelt, die seit 27 Stunden unterwegs war auf der langen Strecke und alle ihre Laufpartner auf der Strecke zurück lassen mußte. Sie joggte mit uns fröhlich durch die Gegend, dabei war sie vorher stundenlang nur gegangen. Irgendwie bekamen wir wieder mehr Schwung rein. Wir überholten immer öfter Ultrawanderer, die eine 50km Strecke hatten und auch schon viel länger unterwegs waren. Sandy hatte kein Navi und auch bei meinem wurde der Strom knapp. Gut daß wir Mark mit seinem Etrex hatten. Sandy traf irgendwann Freunde wieder und wir liefen ohne sie weiter.

Das ist echt interessant: Man kann viel weiter laufen als man denkt und wir brauchten dann kaum noch Gehpausen. Klar, die Knochen wurden morsch,,aber mancher Schmerzreiz gibt dann auch auf und so war es nicht unerträglich. Regelrechte Schnerzen hatte ich gar nicht, glaube ich.

Im Gegenteil, nach dem letzten VP bei km 68 lief Mark entfesselt los und ward nicht mehr gesehen. Die Vögel jubilierten wie in einem Urwald, dabei war es Köln Dünnwald. Und ich war auch nicht sooo viel langsamer. Unzählige Wanderer vor mir reizten mich auch, sie noch zu überholen und dann irgendwann, kurz nach 6 Uhr lief ich ein.

Dieses Ziel hatte ich am Vortag fotografiert und es war mir doch sehr willkommen.

Ich bin einigermaßen überwältigt, es jetzt doch noch ganz gut geschafft zu haben mit knapp 8km pro Stunde. 78 km in 10:05.

Damit liege ich sogar relativ weit vorne, aber die Plazierung ist hier nicht wichtig, wenn’s nicht gerade um 1, 2 oder 3 geht.

Mein Urkunde muß hier auch noch rein, aber die muß ich im Netz erst noch suchen. Ahh, nun ist sie da.

Im Ziel trank ich erstmal was, wusch mir die Füße mit kaltem Wasser – herrlich – und humpelte zum Zelt. Es war schon wieder warm, aber inzwischen mit böigem Wind. Mein Zelt flatterte dermaßen, das ich nicht pennen konnte und so packte ich schon bald zusammen und setzte mich zu den anderen Helden.

Dann gab’s ab 12 eine Siegerehrung und dann reichlich Nudeln!

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2 Gedanken zu “Ein dickes Brett: 78k Ultra Kölsche Naachschicht

  1. Herzlichen Glückwunsch zum Finish.
    Ich bewundere die Läuferinnen und Läufer immer, die solch eine lange Strecke „ohne“ größere Steigung und größtenteils auf Asphalt laufen. Das ist ja quasi alles „laufbar“…das kann ich überhaupt nicht.

    Respekt!

    Viele Grüße

    Steve

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